2. August 2021

Kamil Majchrzak

Vize-Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) und Mitglied der Delegation des Polnischen Verbands Ehemaliger Politischer Häftlinge der NS-Gefängnisse und Konzentrationslager (PZBWPHWiOK), Gründer der Initiative „Ghetto-Renten Gerechtigkeit Jetzt!“

Statement anlässlich des Europäischen Holocaust-Gedenktages der Sinti und Roma 2021

Erinnerung erfordert nicht nur Gedenken, sondern aktive Zeugenschaft. Denn aus der Vergangenheit allein oder aus der Beschäftigung mit Geschichte entspringt noch kein verantwortungsvolles Handeln für die Gegenwart.

Notwendig ist die Bereitschaft zur Übernahme der ethischen Verantwortung für den Anderen, für das Gegenüber. Bei der Bewahrung der Zeugenschaft haben wir Nachkommen auch eine besondere Rolle. Auch und insbesondere angesichts des Verstummens der letzten Überlebenden

Sinti und Roma sind seit mehr als 600 Jahren Teil unserer Geschichte, Teil unserer Gesellschaften.

Deshalb bemüht sich auch das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos ihre Geschichte zu unserer Geschichte zu machen. Denn ihre Verfolgung ist ein Teil der Geschichte Europas, ist ein Teil der Geschichte unserer Gesellschaften.

Obwohl in der Nacht vom 2. zum 3. August das Familienlager der Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau gewaltsam aufgelöst wurde, gelangten auch danach noch immer Transporte von deportierten Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau.

Am 26. September 1944 erreichte von Buchenwald auch ein Transport mit 200 Sinti und Roma Kindern Auschwitz-Birkenau, die hier in Auschwitz-Birkenau vergast worden sind.

Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma hat in den letzten Jahrzehnten einen wichtigen und wesentlichen Beitrag geleistet, um die Lücken in der deutschen Erinnerungskultur aufzuarbeiten.

Das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos, das aus dem illegalen Häftlings-Komitee im deutschen Konzentrationslager Buchenwald entstanden ist … möchte auch einen wichtigen Beitrag leisten, um die Lücken in unserer Erinnerungskultur zu füllen.

Wir haben uns gemeinsam für Ghetto-Renten eingesetzt, erfolgreich. Wir haben erreicht, dass zum ersten Mal endlich auch polnische Roma eine Ghetto-Rente bekommen. Und auch wenn es noch immer wieder Probleme gibt bei der Umsetzung dieses hart erkämpften Anspruchs ist es zunächst ein Erfolg, denn es war eine Anerkennung der Arbeit dieser verfolgten

Wir werden auch in Zukunft mit den Sinti und Roma gemeinsam an verschiedenen erinnerungspolitischen Projekten zusammenarbeiten.

Eines davon ist unsere Bemühung, dass das Schicksal und die Geschichte der im NS Verfolgten Sinti und Roma im Außen-Lager Ellrich stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.

Dort musste unter anderem mein Großvater Zwangsarbeit leisten, gemeinsam mit französischen Häftlingen, belgischen Häftlingen, aber auch mit sehr vielen Sinti und Roma, die in dieses Lager kamen.

Wir würden uns freuen, wenn wir gemeinsam durch Jugendcamps, zum Beispiel in Ellrich einen würdigen Ort des Gedenkens auch an die Verfolgten Sinti und Roma Europas aufbauen könnten.

Bei der Bewahrung der Zeugenschaft kommt den Nachkommen eine immer stärkere Rolle zu. Sie werden in Zukunft viel stärker in die Gedenkstrukturen eingebunden werden müssen, um Zeugenschaft zu bewahren. Um eine Trivialisierung, Verharmlosung oder Leugnung des Holocaust an den Sinti und Roma und des Holocaust und der Shoah überhaupt zu verhindern.

Wir stehen in Europa vor vielen Herausforderungen. Neo-Nazistische Angriffe, Anschläge, Rechtspopulismus, Infragestellung demokratischer Institutionen und der Rechtsstaatlichkeit werden zu einem immer größeren Problem in Europa.

Wir Nachkommen können dabei einen wichtigen Beitrag leisten.

Denn aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte und der dichten Erinnerung, die wir in den Familien haben, der dichten Erinnerung auch an die Spuren die die NS-Verfolgungen hinterlassen haben, können wir einen wesentlichen Anknüpfungspunkt leisten, um sich mit der Gegenwart aus dem Blickwinkel der Geschichte auseinanderzusetzen.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Nachkommen in Europa und in der Welt, aus unterschiedlichen Familien, die unterschiedlichen Schicksale der Verfolgung in ihren Familien tragen, mit uns gemeinsam,daran zusammenarbeiten würden, um diese Erinnerung zu erhalten und zu bewahren.

Eröffnungsreden

Romani Rose

Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

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