2 August 2020

Michaela Küchler

Vorsitzender der Internationalen Allianz zum Holocaust-Gedenken (IHRA)

Gedenkrede zum 2. August 2020, Internationaler Gedenktag an den Holocaust an Sinti und Roma

„Mama, da hinten verbrennen die Menschen!“

In ihren Memoiren erinnert sich die Auschwitz Überlebende Sintezza Zilly Schmidt, wie ihre vierjährige Tochter Gretel die Hölle von Auschwitz langsam zu begreifen begann.

Am 2. August 1944 liquidierten die Nationalsozialisten das sogenannte Zigeunerfamilienlager in Auschwitz Birkenau. Liquidieren - das ist Amtsvokabular, hinter dem sich eine grausame Bedeutung verbirgt. Fast 3000 Männer, Frauen und Kinder wurden in nur einer Nacht ermordet, darunter Zilly Schmidts Tochter Gretel, ihre Eltern, ihre Schwester mit sieben Kindern und ihre Brüder.

Nach ihrer Machtergreifung führten die Nationalsozialisten die jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung der Roma weiter und verschärften sie sogar noch; viele wurden in das sogenannte „Zigeunerlager“ in Abschnitt B II e des Lagers Auschwitz Birkenau deportiert. Zwischen ein- und zweitausend Menschen wurden in Baracken gepfercht, die für drei- bis vierhundert ausgelegt waren. In dem Lager mussten die Sinti und Roma schwarze Dreiecke auf ihrer Kleidung tragen, die sie als „Asoziale“ auswiesen, ein Begriff, der leider bis heute nicht aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist, trotz seines diskriminierenden und stigmatisierenden Charakters. In Auschwitz und anderen Lagern mussten die Sinti und Roma Zwangsarbeit leisten und wurden misshandelt, gefoltert und ermordet. An zahllosen Orten der ehemaligen Sowjetunion wurden Roma in Massenerschießungen umgebracht.

Über den Völkermord an den Roma wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch jahrzehntelang nicht gesprochen. Dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte wird häufig auch als der „vergessene Holocaust“ bezeichnet. Erst 37 Jahre nach Kriegsende hat sich die deutsche Bundesregierung zu dem Völkermord bekannt. Bis heute ist dieses Kapitel der Geschichte unzureichend erforscht und wird weiterhin verharmlost.

Wir als Regierungen, aber auch als Bürgerinnen und Bürger, als Demokratinnen und Demokraten, müssen sicherstellen, dass die Geschichte dieses Völkermords und dieses Leidenswegs nicht vergessen werden, und die Ausgrenzung und Vorurteile zu bekämpfen, mit denen Roma noch heute konfrontiert sind.

Aus ebendiesem Grund sind Gedenkveranstaltungen wie die heutige fraglos von großer Bedeutung. Man muss nicht lange suchen, um Zeuge der Diskriminierung und des Rassismus zu werden, die es nach wie vor gibt. Denken Sie nur an manche Gruppierungen innerhalb unserer Gesellschaft, die die Sinti und Roma für die Verbreitung des Coronavirus verantwortlich machen. Vor einigen Wochen wurden Bewohnerinnen und Bewohner eines Häuserblocks hier in Berlin wiederholt rassistisch angegriffen - es war berichtet worden, dass sich das Virus dort verbreitet hatte.

Wenn wir vergessen, laufen wir Gefahr, dieselben Fehler und Gräueltaten erneut zu begehen. Deshalb ist es unsere historische Pflicht, uns an die Namen der 500 000 Frauen, Männer und Kinder aus dem Volk der Roma zu erinnern, die von den Nationalsozialisten brutal ermordet wurden.

Der Widerwille wächst, sich weiterhin an den Holocaust und den Völkermord an den Roma zu erinnern. Manche behaupten, es sei an der Zeit, uns von diesem dunklen Kapitel zu lösen und „nach vorne zu schauen“. Manche geben ihre Stimme sogar politischen Parteien, die solche Empfindungen fördern. Erschreckenderweise werden Begriffe wie „Jude“, „Zigeuner“ oder „Homo“ häufig noch immer als Schimpfwörter verwendet.

Die meisten von uns wissen um den beunruhigenden Charakter dieser Entwicklungen, dennoch sollte dieser Tag uns als Mahnung dienen, dass wir wachsam bleiben müssen.

Wir müssen uns fragen, ob wir aus der Vergangenheit lernen.

Die Antwort lautet sowohl „ja“ als auch „nein“.

„Ja“, denn wir haben etwas erreicht. Wenn auch spät, so wurde doch 2012 das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin errichtet. „Ja“, denn viele Regierungen haben sich verpflichtet, auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen für Sinti und Roma hinzuwirken und Gleichberechtigung, Inklusion und Teilhabe zu fördern. Mit diesen Themenfeldern wird sich die EU Roma Strategie für den Zeitraum nach 2020 befassen müssen.

Gleichzeitig jedoch muss die Antwort auch lauten: „Nein, wir lernen nicht aus der Vergangenheit“; denn Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus sind wieder auf dem Vormarsch.

Gedenktage sind wichtig, sie reichen aber nicht aus. Es liegt in unserer Verantwortung, eine Welt zu fördern, in der Anderssein kein Leben in Angst bedeutet. Es ist unsere Pflicht, unsere Stimme gegen Diskriminierung, Rassismus und Hass zu erheben und unsere eigenen Vorurteile jeden Tag neu zu hinterfragen.

Die International Holocaust Remembrance Alliance möchte etwas bewegen. Sie möchte Regierungen und Experten zusammenbringen, um Wissensvermittlung, Forschung und Erinnerung in Bezug auf den Holocaust zu stärken. Für diese internationale Aufgabe bedarf es internationaler Zusammenarbeit. Wo auch immer Minderheiten verfolgt oder diskriminiert werden, ist niemand sicher. Die IHRA Ministererklärung 2020 unterstreicht, was wir erreichen wollen: „Eine Welt, die sich an den Holocaust erinnert. Eine Welt ohne Völkermord."

In dieser Erklärung verpflichteten sich die IHRA Mitgliedstaaten, die Erinnerung an den Völkermord an den Roma wachzuhalten und anzuerkennen, dass die Nachlässigkeit, mit der wir in der Vergangenheit mit diesen Gräueltaten umgegangen sind, teilweise den Nährboden für die Vorurteile und Diskriminierungen bereitet haben, mit denen viele Sinti- und Roma Gemeinden bis heute konfrontiert sind.

Die Menschen müssen verstehen, wohin Vergessen führen kann. Seit 2007 befasst sich die IHRA mit dem Völkermord an den Roma, und seit 2011 arbeitet der IHRA Ausschuss zum Völkermord an den Roma an dem Thema. Auf der Grundlage der Arbeit des Ausschusses diskutiert die IHRA eine offizielle Arbeitsdefinition des Antiziganismus. Eine Definition ist eine Orientierungshilfe, anhand deren diese Phänomene und ihr Kontext identifiziert werden können; so werden die Menschen sensibilisiert und es entsteht ein gemeinsames Verständnis der Thematik. So werden Verwaltungen, Politikerinnen und Politiker, Richterinnen und Richter, Polizistinnen und Polizisten, Lehrkräfte, die Medien, die Zivilgesellschaft und Menschenrechtsorganisationen geschult und sensibilisiert. Wir hoffen, in den kommenden Monaten eine solche Definition verabschieden zu können. Wir schulden es der größten europäischen Minderheit, diese Aufgabe unverzüglich zu vollenden.

Wir schulden es den Opfern und den Überlebenden, uns ihres Leidens zu erinnern und ihr Zeugnis in Ehren zu halten. Wir schulden ihnen, dass ihre Namen niemals in Vergessenheit geraten.

 

Weitere Information zum Genozid an Sinti und Roma und der Erklärung der Ministerkonferenz der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken (IHRA) 2020 finden sich auf der IHRA website.

Commemoration Speeches

Helena Dalli

Kommissarin für Gleichheitspolitik, Europäische Kommission

Stéphane Dion

Botschafter Kanadas in der Bundesrepublik Deutschland, Sonderbeauftragter Kanadas für die EU und Europa

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