2. August 2021

Ilona Lagrene

Bürgerrechtsaktivistin

Stellungnahme zum Anlass des Holocaust-Gedenktages der Sinti und Roma anlässlich des Europäischen Holocaust-Gedenktags für die Sinti und Roma am 2. August 2021

Ich gedenke heute an den 2 August 1944, die Auflösung des sogenannten Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau. In dieser einen Nacht vom 2. auf den 3. August wurden 4300 Menschen, vor allem Frauen, Männer, Kinder und Kranke in einer Nacht ermordet. Man hat sie vergast und verbrannt. Unter diesen Menschen war auch ein Bruder meines Mannes. Mein Schwiegervater Karl Lagrene ist damals mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau gekommen. Ich habe hier die Abmeldung vorliegen. Hier steht drin, eine Bescheinigung aus der Stadt Bottrop: "Hiermit wird bescheinigt, dass Herr Karl Lagrene, geboren 17.1.1908 in Männedorf und seine Ehefrau Mathilde, geborene Winterstein, Geburtsdatum in Posen sowie die nachfolgenden aufgeführten Kinder hier am Weinberg-Lagerplatz gemeldet waren und am 10.3.1943 nach Auschwitz zur Abmeldung gelangten."

Zuvor hat man ihn aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen. In einem öffentlichen Schreiben, was ausgehangen wurde damals und zwar in Berlin, den 15. März 1952 steht unter anderem: "Neugestaltung des Rundfunkprogramms. Auf Anordnung des Reichsminister Dr. Goebbels findet im Zuge einer Neugestaltung des Rundfunkprogramms für die wichtigen Sendezeiten zwei getrennte, einander ergänzende Programme geschaltet werden und so wurden folgende Sendetypen beziehungsweise Gruppen eingeführt und dafür folgende Verantwortlichkeiten festgelegt."

Die möchte ich hier nicht benennen, sondern ich möchte hier benennen, dass es eine Liste gibt, in der eigentlich Ausschlüsse aus der Reichsmusikkammer aufgrund des Paragrafen 10 der ersten Durchführungsverordnung zum Reichskulturausschlussgesetz vom 1. November 1933 - Reichsmusikkammer – ausgeschlossen beziehungsweise ihre Aufnahmeanträge abgelehnt wurden. Darunter steht neben einigen der Name Lagrene, Karl, wohnhaft in Bottrop am Weinberg 10 und das Geburtsdatum.

An dieser Stelle möchte ich ihnen ein Gedicht meines verstorbenen Mannes vorlesen. Der Grund für dieses Gedicht war, dass mein Schwiegervater zu uns kam und so am Türrahmen stand, er wurde weit über die 80, und in der Zeit sich daran erneut immer wieder erinnerte an Auschwitz, weil er eigentlich seine gesamte Familie da verloren hat. Er ist nach Auschwitz gekommen und zwar er, seine Frau, vier Kinder, sein Bruder, Vater und Mutter und er war der einzige, der überlebt hat. Und aus diesem Grund hat mein Mann dieses Gedicht verfasst.

"Worte meines Vaters. Erinnerung. 25. Juli 91. Vor den Toren von Auschwitz. Damals als wir vor den Toren von Auschwitz standen, meine Familie und ich, wusste ich, dass uns nichts Gutes erwartet. Ich hätte nie gedacht, dass das Grauen auf uns wartet. Damals, als ich vor den Toren von Auschwitz stand, wusste ich nicht, dass man mir meine Familie nimmt. Ich hätte nie gedacht, dass Menschen so grausam sein können. Meine Frau, meine vier Kinder, Mutter, Vater und Bruder - alle nahmen sie mir. Alle mussten sie gehen. Warum? Damals als ich vor den Toren von Auschwitz stand, als Muselmann, seelisch zerbrochen, innerlich ausgebrannt, so leer, wusste ich nicht, dass ich überlebe. 46 Jahre ist es nun her, seit ich damals vor den Toren Auschwitz stand. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mal so alt werde. Viel Schmerz und Leid ist seitdem fast zergangen. Die Erinnerung an Auschwitz ist geblieben. Alt geworden überlebe ich, Gefangener meiner Erinnerung, hinter den Toren von Auschwitz."

An dieser Stelle möchte ich Ihnen gerne die Namen vorlesen von der Familie meines Schwiegervaters. Karl Lagrene, seine Frau Mathilde Lagrene, die Söhne Karl Lagrene, Harry Lagrene, sein Vater Konrad Lagrene, sein Bruder Friedrich Lagrene, seine Töchter Hildegard und Gisela Lagrene, seine Mutter Veronika Lagrene. An dieser Stelle möchte ich gedenken, erinnern und es sollte auch zur Mahnung sein. dass so etwas nie mehr geschehen kann. I

Aber ich möchte Sie bitten und ich möchte Sie darauf hinweisen und ich erwarte das auch von der Jugend.

Ganz einfach: Sich einzumischen, wenn man Unrecht sieht, einzutreten gegen Rechtsradikalismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus, aber auch gegen Antiziganismus, Rassismus jeglicher Art - dem muss entgegengetreten werden. Mit aller Kraft, die wir haben und besitzen und wir dürfen niemals vergessen, was uns damals in Auschwitz geschehen ist und so was darf sich nie mehr wiederholen!

 

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