2. August 2021

Werner Friedrich

Holocaust-Überlebender

Augenzeugenbericht zum Anlass des 2. August 2021, Holocaust Memorial Day for Sinti and Roma

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es ist für mich eine große Ehre und Verantwortung, dass ich hier und heute an diesem für uns Sinti und Roma so wichtigem Europäischen Holocaust Gedenktag als einer der letzten Zeitzeugen sprechen darf. Dafür danke ich Ihnen.

Zunächst möchte ich mich vorstellen.

Mein Name ist Werner Friedrich. Ich bin ein deutscher Sinto. ich bin 1937 als 6. Kind meiner Eltern Else und Berthold Friedrich In Elbing im damaligen Westpreußen geboren, wo wir auch während der Kriegszeit gewohnt haben. Mein Großvater mütterlicherseits Wilhelm Ernst war Deutscher. Er hat im Ersten Weltkrieg für Deutschland an vorderster Front gekämpft. Und sich in meine Großmutter Martha verliebt. Sie war eine deutsche Sintisa und somit war die Familie in den Augen der Nazis nicht mehr arisch. Sie hatten zusammen 8 Kinder.

Sechs ihrer Kinder wurden im KZ ermordet. Meine Großeltern sind schon früh gestorben und haben die Naziherrschaft zum Glück nicht mehr erlebt.

Meine Eltern wohnten bis 1939 zur Miete in einer Stadtwohnung in Elbing. Dann kam der Festsetzungserlass von Reichsführer-SS, Heinrich Himmler. Meine Eltern mussten ihre Wohnung verlassen und mit ihren sechs Kindern in eine Baracke am Rande von Elbing ziehen. Es war nur eine Behausung viel zu klein für 6 Personen und voll von Ungeziefer aller Art. Für meine Eltern und Geschwister war das eine große Erniedrigung.

Meine eigene Erinnerung an die NS Zeit fängt mit 5- 6 Jahren an. Ich weiß allerdings viel aus den Erzählungen meiner Eltern und älteren Geschwister. Zwei meiner Schwestern gingen noch zur Schule. Auch sie wurden von den Lehrern diskriminiert. Man verweigerte ihnen die Schulspeisung und den Umgang mit den anderen Kindern. Sie sind oft weinend nach Hause gekommen

Meine Schwester Loni hat es besonders schwer getroffen. Sie hat eine Ausbildung als Floristin gemacht. 1943 wurde sie von der Gestapo verhaftet und ins KZ Ravensbrück und danach nach Auschwitz gebracht. Hier hat man ihr eine Nummer auf den Unterarm tätowiert, die sie für ihr Leben zeichnete. Als Grund für die Verhaftung wurde behauptet, sie habe zusammen mit ihrer deutschen Freundin mit einem deutschen Matrosen angesprochen. Das nannte man Zersetzung der deutschen Wehrmacht. Meine Schwester war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. So musste meine Schwester den Leidensweg, wie viele unserer Verwandten, durch die KZs antreten. Sie hatte noch Glück, dass man sie nicht sofort in die Gaskammer gejagt hat. Ich habe, so erzählte mir meine Mutter, Tag und Nacht geweint, weil meine geliebte Schwester Loni nicht mehr da war.

Nach der Verhaftung meiner Schwester war es mit dem Rest an „Freiheit“, die wir bis dahin noch hatten, zu Ende. Mein Vater und meine Mutter bekamen eine Vorladung der Gestapo in Elbing. Ihnen wurde klar gemacht, dass das Festschreibungsgesetz, bei uns jetzt mit aller Schärfe angewendet würde. Beim kleinsten Vergehen würde die sofortige Deportation erfolgen. Unsere Angst war unbeschreiblich

Wir wurden auch regelmäßig von der Gestapo meistens nachts kontrolliert, ob wir Verwandte versteckt hätten. Die Gestapo ging dann mit einer solchen Brutalität vor, die ich obwohl ich erst 6 Jahre alt war, nie mehr vergessen konnte und dadurch noch sehr lange Jahre Albträume hatte.

Sie trieben uns aus unseren Zimmern auf die Straße, egal wie das Wetter war. Wir mussten draußen ausharren, bis sie alle Räume durchsucht hatten. Mein Vater wurde öfter vor unseren Augen geschlagen, weil er nicht schnell genug die Haustür geöffnet hatte.

Nie werde ich die Ledermäntel, die Taschenlampen, die Stiefel und die Teufelsfratzen mit ihren durchdringenden Augen vergessen. Zusätzlich mussten sich meine Eltern jede Woche auf dem Polizeirevier melden. Mir ist auch noch immer in Erinnerung, wenn ein Lastwagen in unsere Straße einbog; dann habe ich immer nach meiner Mama gerufen und geweint, weil ich dachte, jetzt würden die braunen Schergen uns abholen.

Eines Tages hielt wieder einmal ein LKW vor unserer Haustür und wir dachten, jetzt sind wir dran. Aber sie holten nicht uns, sondern die Nachbarn, ebenfalls Sinti mit drei Kinder im Alter von 2 bis10 Jahren. Die Gestapo zerrte die Eltern und Kinder in den LKW. Sie durften nichts mitnehmen, außer das was sie anhatten. Das kleine Mädchen hatte eine Puppe, aus Stofflappen genäht, in den kleinen Ärmchen. Ein Gestapomann riss ihr die Puppe aus den Händen, warf sie fort mit den Worten ,,die brauchst du jetzt nicht mehr“. Das wurde von den anderen Gestapo Leuten mit einem teuflischen Lachen quittiert.

Diese Erinnerung bin ich ein ganzes Leben nicht mehr losgeworden. Ich weiß bis heute nicht, warum wir von der Deportation verschont blieben, während unsere Nachbarn nach Auschwitz gebracht und ermordet wurden. Viele meiner Verwandten, so die Brüder und Schwestern von meinem Vater und meiner Mutter, wurden alle mit samt den unschuldigen, kleinen Kindern in die Gaskammern gejagt und verbrannt. Mein Vater und meine Mutter haben ihre Geschwister nie wieder gesehen oder gesprochen.

1945 sind wir dann von der russischen Armee in Elbing befreit worden.

Auch meine Schwester Loni hat überlebt. Sie wurde als arbeitsfähig noch vor Kriegsende von den Nazis ins Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg gebracht. Hier wurde sie von den Briten befreit. Nach der Zusammenführung hat uns meine Schwester Loni viel über die Grausamkeiten im Lager, über die Bestien und Peiniger der Lageraufseher und Lageraufseherinnen berichtet. Auch über die Erschießungen und Vergasungen in den Lagern hat sie uns erzählt, man konnte es nicht glauben, wozu Menschen fähig sein können.

1946 wurden meine Familie und ich nach Westdeutschland gebracht, da Elbing nun zu Polen gehörte. Hier wurden wir nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Flüchtlinge waren nicht gerne gesehen, wie heute hier zum Teil auch bei uns. Wir haben durch fleißiges Arbeiten den Anschluss geschafft. Die Jahre nach der Umsiedlung in den Westen waren sehr mühselig und schwer, wie für alle Menschen, die hier wohnten.

Nie hat unsere Familie für die Pein und Schmach, die wir unter den Nazis haben erlitten haben, eine Wiedergutmachung erhalten, außer meiner Schwester Loni, die im KZ war

Bis heute sagen die westdeutschen Entschädigungsbehörden, dass die Sinti und Roma, die das Glück hatten, nicht im KZ oder in der Gaskammer zu landen, nicht genug gelitten hätten, um eine dauerhafte Wiedergutmachung zu bekommen.

Heute lebe ich mit meiner Familie in einer kleinen Stadt am Niederrhein in Eintracht mit Auswanderern aus Polen, Russland und Deutschen als Nachbarn friedlich zusammen.

Geoutet als Sinto habe ich mich nicht, da ich Angst vor Repressalien für meine Kinder, Enkelkinder für meine Frau und mich hatte. Die Nachkommen der braunen Brut sind inzwischen überall, auch bei uns. Was sie anrichten, das kann man jeden Tag sehen und hören.

Ein Beispiel ist der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019. Hier waren es jüdische Gläubige, die das Glück hatten, dank einer standhaften Tür, nicht von einem aufgehetzten rechtsradikalen Mörder erschossen zu werden

Wenn ich dann höre, wie Bundestagsabgeordnete einer rechten Partei die Verbrechen der Nazis kleinreden, dann ist das für uns Sinti und Roma ein Weckruf. Für uns als Betroffene und Verfolgte hat das einen viel höheren Stellenwert. Die Erniedrigung, Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma war kein Vogelschiss, sondern hat ein furchtbares Leiden für alle Betroffene verursacht.

Wenn ich nur daran denke, wie mein kleiner Cousin, der mit 7 Jahren schon Werke von Mozart und Beethoven auf der Geige gespielt hat, von einem braunen Schergen, der wahrscheinlich nicht einmal wusste, wer Mozart überhaupt war, in die Gaskammer gejagt wurde, dann ist es höhnisch und infam, dies als Nichtigkeit zu bezeichnen.

Ich frage mich, was diese verirrten Menschen aus der Geschichte gelernt haben und ob sie überhaupt Gerechtigkeitsempfinden besitzen. Es müssen Menschen sein, die aus der grausamen Geschichte der Nazis nichts aber auch rein gar nichts gelernt haben und sogar den Holocaust heute noch leugnen. Das sind Menschen, die keine Liebe, kein Mitgefühl, kein Mitleid und schon gar nicht § 1 des deutschen Grundgesetzes kennen:

,,Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das muss für alle Menschen auf dieser Welt gelten Dass diese Menschen im deutschen Bundestag sitzen dürfen, betrübt mich und alle Sinti und Roma sehr und macht uns wütend.

Was ist aus den Aussagen geworden: ,,Hier bei uns darf so etwas nicht mehr passieren?“ Diesen Satz hört man immer und immer wieder.

Im Gegenteil, der rechte Flügel einer Partei im deutschen Bundestag scharrt schon mit den Stiefeln. Davor haben wir Angst meine Damen und Herren.

Und jetzt möchte ich die jungen Leute, die heranwachsende Generation aus Osten und Westen, Süden und Norden ansprechen.

Sie, die heute zu diesem Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma gekommen sind.

Ich bitte Sie, bekämpfen Sie den Rassismus, wo immer sie ihm auch begegnen, damit man in Zukunft solche Gedenktage nicht mehr braucht.

Zum Glück haben sich schon viele Vereine, Schauspieler, Sänger, Prominente und ganz normale Menschen aus allen Schichten dem Rassismus den Kampf angesagt. Hören Sie hin, worüber man spricht, schweigen Sie nicht, wie viele Ihrer Vorfahren es getan haben, wehren Sie sich ohne Gewalt mit fairen Mitteln, Verstand und ohne Hass

Sie, junge Menschen, sie sind unsere Zukunft. Sie haben es in der Hand, was aus Deutschland, aus Europa und der ganzen Welt wird. Lassen Sie nicht zu, dass immer mehr Geld für die Aufrüstung ausgegeben wird.

Die Welt braucht Geld ganz dringend für den Umweltschutz, gegen den Hunger, für die Kranken und Vertriebenen.

Zum Schluss will ich deutlich machen, dass es solche Gedenkstätten, wie hier in Auschwitz, in Zukunft nie wieder geben sollte, wenn Menschen in der Welt in Frieden und Freiheit leben möchten.

Abschließend möchte ich ihnen noch folgendes sagen:

,,Ich bin von Herzen ein Sinto, liebe Deutschland und die Heimat meiner Frau, die Schweiz.“ Trotz meiner schlimmen Erlebnisse glaube ich weiter an das Gute im Menschen.

Danke, dass Sie mir zugehört haben.

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