2. August 2021

Claudia Roth

Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

Digitales Grußwort zum Europäischen Holocaust Gedenktag für Sinti und Roma am 2. August 2021

Sehr geehrte Überlebende des Holocausts,
Liebe Nachgeborene,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Romani Rose,
Freunde,
Mire latsche Mahla – Mire latsche Mahlezi!

 

Auschwitz –

der Ort, an dem alle menschlichen Werte zerstört wurden

Auschwitz –

Der Ort, der das Ende jeder Zivilisation markiert.

Auschwitz –

Der Ort, der solch unermesslichen Schrecken, der Gewalt, der Terror, der Vernichtung symbolisiert,

Dieser Ort, der jedes Wort, jede Geste schier zu erdrücken scheint.

An diesem Tag empfinde ich unermessliche Trauer und tiefe Demut, dass ich zum Gedenken an die Auflösung des sogenannten „Zigeunerlagers“ vor 77 Jahren im Sommer 1944 – zu ihnen sprechen darf.

Wohl 23 000 Sinti*zze und Rom*nja waren Gefangene in Auschwitz-Birkenau.

Nur 2 000 Menschen haben den Massenmord überlebt, 5 000 Menschen wurden im Lager vergast, 2 900 Menschen wurden bei der Räumung des Lagers in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 bestialisch ermordet.

Es war die Nacht von Porajmos – die Nacht des Verschlingens.

Auschwitz ist das Symbol für den Genozid an den Sinti*zze und Rom*nja und den von den Nazis als Zigeuner bezeichneten Menschen. Zigeuner – Gypsies – by the Nazis.

Auschwitz steht für ein Meer an Tränen – an Leid – an Schmerz.

Aber Auschwitz ist auch Symbol für den mutigen bewaffneten Widerstand der Sinti*zze und Rom*nja, der brutal niedergeschlagen wurde.

Nutzen wir diesen heutigen Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti*zze und Rom*nja, um uns vor den Toten zu verneigen

und um den Lebenden ein Versprechen zu geben:

Nie wieder darf es ein solches Morden und systematisches Vernichten von Menschenleben geben.

Gerade als Deutsche und Vertreterin des demokratischen Deutschlands spüre ich die enorme Verantwortung, die uns diese Geschichte – die mir meine Geschichte – aufträgt.

Es war der Versuch der endgültigen Auslöschung dieser großen Kultur.

Bei allem grausamen Schrecken, den dieser Terror tief in die Seelen der europäischen Sinti*zze und Rom*nja eingebrannt hat, können wir heute dennoch sagen: Es ist den Nazis nicht gelungen.

Es ist ihnen nicht gelungen, ganze Kulturen auszulöschen, den Reichtum der europäischen Völker zu zerstören.

Sie haben tiefe Wunden und Traumata verursacht, haben europäische Kulturen vertrieben und geschwächt, aber sie konnten diesen Reichtum nicht zerstören.

Nicht die Sprache – nicht die Musik – nicht die Literatur – nicht die Bilder – Vor allem aber nicht das Andenken an die ermordeten Frauen, Männer und Kinder.

Sie sind und sie bleiben bei uns.

Ich bin sehr froh, 77 Jahre nach dem Terror der Nazis aus voller Überzeugung sagen zu können: Sinti*zze und Rom*nja gehören zur europäischen Kultur, sind fester Bestandteil unseres ethnischen und kulturellen Reichtums und unserer europäischen Gesellschaften, in denen sie seit vielen Jahrhunderten leben.

Dieses Überleben, dieses Dazugehören ist die schärfste Waffe gegen die versuchte Vernichtung durch die Nazis, und es ist die schärfste Waffe gegen die bestehenden und beschämenden Diskriminierungen und Ausgrenzungen, die Sinti*zze und Rom*nja in Europa erleben müssen.

Das Gedenken heute ermahnt uns aufzustehen gegen jede Form von Menschenrechtsverletzungen in unserem Europa!

Deswegen ist dieses Gedenken heute auch ein Erinnern in die Zukunft und eine Verantwortung für die Gegenwart.

Die Verantwortung, die von den Schrecken der Vergangenheit auf uns lastet, sie ist von uns heute einzulösen.

Lassen Sie uns alle gemeinsam dafür kämpfen, dass die Ausgrenzung der Sinti*zze und Rom*nja endlich ein Ende hat, und dass die Lehre aus der Geschichte hilft, unseren moralischen Imperativ zu leben:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Vielen Dank!

Eröffnungsreden

Website erstellt von

Website unterstützt von

In Zusammenarbeit mit