Adam Strauß

Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Hessen

Stellungnahme zum Anlass des Holocaust-Gedenktages der Sinti und Roma anlässlich des Europäischen Holocaust-Gedenktags für die Sinti und Roma am 2. August 2021

Sehr geehrte Damen und Herren,

dass wir hier heute in Darmstadt an den Völkermord an Sinti und Roma erinnern, ist für mich von besonderer Bedeutung, auch weil meine Mutter von Darmstadt aus nach Auschwitz deportiert wurde. Hätten Sie und auch mein Vater, der von Marburg aus nach Auschwitz verschleppt wurde, nicht überlebt, würde ich hier heute nicht zu Ihnen sprechen. Genau das war das erklärte Ziel der Nazis.

Sie überlebten, weil sie als arbeitsfähig eingestuft und in andere Lager zur Zwangsarbeit abtransportiert worden waren.

Denn ansonsten wären sie ermordet worden, wie die insgesamt über 500.000 Sinti und Roma, die den Rassenwahn der Nazis nicht überlebten – darunter die Mutter, der Bruder, drei Schwestern, zwei Nichten, ein Neffe und zahlreiche Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen meines Vaters. Auch aus der Familie meiner Mutter überlebten die wenigsten. Allein in Auschwitz wurden über 20.000 unserer Menschen ermordet.

Die Familien meiner Eltern – meine Familie – ist leider nur ein Beispiel, für die vielen Familien der Sinti und Roma in Europa, von denen wohl keine verschont blieb.

Der 2. August ist der Gedenktag an den Völkermord an Sinti und Roma. Völkermord – was heißt das? Für uns Sinti und Roma bedeutet Völkermord, dass jeder Angehörige der Minderheit hier in Europa in seiner eigenen Familie Opfer zu beklagen hat. Die Nazis haben es nicht geschafft ihren Rassenwahn vollständig in die Tat umzusetzen, aber die Spuren dessen sind tief, sie sind tief in das Gedächtnis und die Herzen unserer Menschen eingeschrieben.

In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde das sogenannte „Zigeunerlager“, wurde Auschwitz Birkenau II liquidiert. Zuvor hatte die SS alle Menschen, die sie noch für arbeitsfähig hielt, abtransportieren lassen – auch um sicherzugehen, dass sie auf keinen großen Widerstand stoßen würde, wie es noch am 16. Mai 1944 der Fall gewesen. An diesem Tag hatten sich die Insassen mit allem, was sie finden konnten, bewaffnet und sich der geplanten Liquidation widersetzt.

Am 2. August war es dann aber so weit: in der Nacht wurden die noch verbliebenen über 4.000 Menschen im Lager – vor allem Alte, Frauen und Kinder – in die Gaskammern geführt.

Aber auch wer überlebte, hatte mit den Folgen der Verfolgung zu kämpfen, meine Mutter starb 1962 mit nur 44 Jahren an den Spätfolgen von Haft, Zwangsarbeit und den bestialischen medizinischen Versuchen von Mengele.

Der 2. August ist als Gedenktag so wichtig, um die Erinnerung an die Verfolgten und Ermordeten nicht verblassen zu lassen und als Mahnung an uns alle!

Denn die Verbrechen der Nazis zeigen wohin Antiziganismus, Antisemitismus, Nationalismus und Rassismus führen können, es ist unsere gemeinsame Aufgabe, daran zu erinnern und uns für eine offene, gleichberechtigte und vielfältige Gesellschaft einzusetzen!

Insofern besorgt es uns auch, wenn die Arbeit von Einrichtungen, die sich der Erinnerung und Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte verschrieben haben, wie die Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität, nicht fortgeführt und unterstützt wird.

Dass rechte, menschenverachtende Ideologien auch heute wieder zu Morden führen, haben uns zuletzt die Anschläge von Halle, Hanau und Kassel auf dramatische Weise gezeigt. Die Taten sind beängstigend, gerade weil sie, wie die Wahlergebnisse zeigen, auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Rechtsrucks sind. Andererseits machen mir die Proteste, die Bündnisse und all diejenigen, die sich gegen die rechte Gewalt zusammenschließen, sich ihr entgegensetzen und auf Aufklärung pochen auch Mut.

Mut, den wir alle dringend benötigen! Denn leider zeigen uns die vielen angeblichen Einzelfälle rechter Umtriebe in den Sicherheitsbehörden nur allzu deutlich, wie tief die Menschenverachtung teilweise auch die Organe demokratischer Staaten durchdringt, die eigentlich Rechtsstaatlichkeit gewährleisten sollten.

Besonders erschreckend ist der aktuelle Fall des Rom Stanislav Tomáš, der bei einem gewaltsamen Polizeieinsatz der tschechischen Polizei ums Leben kam. Die Fälle von tödlicher Gewalt bei Polizeieinsätzen treffen – auch in Deutschland – erstaunlich oft Menschen, die als nicht weiß oder deutsch gelten. Alles nur Einzelfälle?white or non Deutsch. All just isolated cases?

Ich bezweifle das! Umso wichtiger ist es, dass wir diesen Kampf gegen Geschichtsvergessenheit, gegen Rassismus und rechte Ideologien gemeinsam führen.

Einen wichtigen Schritt in diese Richtung werden wir hier in Darmstadt gemeinsam gehen, wenn wir endlich das schon lange geplante Anna Mettbach-Zentrum in die Tat umsetzen, um dort unsere Aufklärungsarbeit mit einer Dauerausstellung über die Geschichte der Sinti und Roma und über Antiziganismus noch zu intensivieren und einen Ort der Begegnung zu schaffen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!

2. August 2021

Eröffnungsreden

Romani Rose

Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

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