Romani Rose

Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Stellungnahme zum Anlass des Holocaust-Gedenktages der Sinti und Roma anlässlich des Europäischen Holocaust-Gedenktags für die Sinti und Roma am 2. August 2021

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute vor 77 Jahren wurden 4.300 Menschen hier im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in den Gaskammern ermordet. Es waren die letzten Sinti und Roma im von der SS als „Zigeunerlager“ bezeichneten Lagerabschnitt B II e, die meisten von ihnen Alte, Kranke und Kinder. Diejenigen, die von der SS noch als arbeitsfähig eingestuft wurden, waren zuvor in andere Konzentrationslager verlegt worden, wo sie ebenfalls der Vernichtung durch Sklavenarbeit zugeführt werden sollten.

Wir gedenken heute aller 500.000 Sinti und Roma, die im Holocaust ermordet wurden und wir gedenken all der Menschen, die der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Europa zum Opfer fielen. Sie alle verbindet das erlittene Unrecht und es ist unsere Verpflichtung, ihr gemeinsames Vermächtnis auch in Zukunft zu bewahren.

„Auschwitz“ – dieser Name ist heute wie kein Zweiter zum Symbol für den beispiellosen industriellen Massenmord geworden, den die Nazis und ihre Helfer in Europa an den Sinti und Roma sowie den Juden verübten. Ein Menschheitsverbrechen, mit großer Akribie geplant, bürokratisch organisiert und durchgeführt. Voraussetzung für diesen in der Geschichte einmaligen Zivilisationsbruch war der Rassismus der Nazis, mit seinem Kern eines extremen und radikalen Antiziganismus und Antisemitismus.

Auschwitz ist das Gewissen, das an uns alle appelliert, unsere Stimme gegen den heute wieder um sich greifenden, mörderischen Rassismus mit seinen zahlreichen Toten zu erheben. Mit unserem Erinnern verbindet sich nicht die Schuldübertragung an die heutige Generation, sondern die gemeinsame Verantwortung für unser aller Zukunft.

Es muss uns mit großer Sorge erfüllen, wenn wir auf den derzeitigen Zustand der Europäischen Union blicken. Der Versuch einiger Mitgliedsstaaten, die Gewaltenteilung, das grundlegende Prinzip des Rechtsstaats, aufzuweichen, macht fassungslos – gerade nach den Erfahrungen der Menschheitsverbrechen der Nazis und der kommunistischen Diktatur in Europa.

So höhlen sie die Demokratie aus und zerstören das einige Europa. Sie wenden sich mittlerweile direkt gegen die Werte, auf denen die Europäische Union fußt: die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, die individuelle Freiheit des Einzelnen, die Menschenwürde. Sie setzen bewusst Fliehkräfte in Gang, die unsere demokratische Staatengemeinschaft von innen heraus zu zerreißen drohen.

Die Europäische Union muss hier mit aller Macht handeln und sich mit allen zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen Mitteln gegen ein solches Ansinnenen einzelner Regierungen zur Wehr setzen.

Ein wichtiger Garant unserer Freiheit ist eine unabhängige Presse. Jeglicher Ansatz die Pressefreiheit einzuschränken, ist mit aller Deutlichkeit zurückzuweisen. Wir brauchen in Europa keinen Gesinnungsjournalismus, wir brauchen einen kritischen Journalismus, der offen anspricht, wenn die Regierenden dabei sind, demokratische Strukturen zu zerstören.

Die Freiheit, den Frieden und unseren Wohlstand in Europa haben wir der Demokratie zu verdanken. Jeder einzelne von uns trägt hier eine besondere Verantwortung. Wir müssen gegen die vorsätzliche Zerstörung unserer Demokratie an den Wahlurnen Widerstand leisten und dürfen diese Situation nicht länger unkritisch hinnehmen.

Das sind wir den Ermordeten und den Überlebenden des Naziterrors schuldig, der ganz Europa und Deutschland in den Abgrund gerissen hat.

Überlebenden, wie der 97-jährigen Sinteza „Zilly“ Schmidt, die am 2. August 1944 ihre gesamte Familie, darunter ihr 5-jähriges Kind, verloren hat. Bis heute stellt sie sich immer wieder die Frage, warum gerade sie das Inferno von Auschwitz überlebt hat. Ihre Antwort ist eindeutig: „Damit ich das alles bezeuge, was dort passiert ist.“

Heute, mehr 76 Jahre nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus, verstummen allmählich die Stimmen derer, die Zeugnis ablegen können. So ist es an uns, der Generation der Nachgeborenen, ihr Vermächtnis am Leben zu erhalten und dafür Sorge zu tragen, dass Auschwitz niemals in Vergessenheit gerät.

Dies ist umso wichtiger in einer Zeit, in der sich Antiziganismus und Antisemitismus wieder ausbreiten und in der ein neuer Nationalismus in den Parlamenten Europas Einzug hält.

Um diesen beängstigenden Entwicklungen entgegenzuwirken, um Frieden und Wohlstand für alle zu sichern und dauerhaft zu erhalten, können wir uns in Deutschland auf unsere Verfassung berufen, in der nach den Erfahrungen des Holocaust die Würde des Menschen als ein Grundrecht verankert wurde. In Europa ist es die Charta der Grundrechte der Europäischen Union, die in Artikel 1 festschreibt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dennoch werden Sinti und Roma in Europa vermehrt Opfer von Polizeigewalt, müssen in den Slums in Mittel- und Südosteuropa, inmitten der Länder der europäischen Union, in menschenunwürdigen Verhältnissen leben und ein System der Apartheid in den Bereichen der Bildung, des Wohnens, in der Gesundheitsversorgung und auf dem Arbeitsmarkt erdulden. Die Regierungen tragen hierfür die Verantwortung. Mehr noch: durch Korruption versickern von der EU bereitgestellte Hilfsgelder, ohne, dass sie die Menschen erreichen würden.

77 Jahre nach den Ereignissen vom 2. August 1944 ist dieser Zustand ein Skandal und ich appelliere an die Regierungen, aufgrund der Geschichte Europas, hier Verantwortung zu übernehmen und diesen rassistischen und unwürdigen Verhältnissen entgegenzuwirken.

Es liegt an uns, durch Aufklärung und stetiges Erinnern an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, des Naziterrors und des Holocaust die Vision eines einigen und friedlichen Europas mit Leben zu füllen und kommenden Generationen eine Zukunft zu bewahren.

Ich danke Ihnen.

2. August 2021

Eröffnungsreden

Romani Rose

Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

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