2. August 2021

Mehmet Daimagüler

Antiziganismus-Beauftragter der deutschen Bundesregierung

Grußwort zum Europäischen Holocaust Gedenktag für Sinti und Roma am 2. August 2022

Am heutigen Tag gedenken wir dem Leiden und dem Sterben von Sinti und Roma aus Deutschland, in Europa. Sie wurden Opfer eines Rassenwahns, sie wurden Opfer eines Rassismusses, der diese Menschen entrechtet hat, ausgegrenzt hat, vertrieben und verschleppt hat und am Ende ermordet hat. Aber was genau bedeutet eigentlich „wir erinnern uns“ oder „wir mahnen“? Erinnern und Mahnen darf nicht ein Ritual sein, einfach nur Worte, die man an einem bestimmten Tag spricht. Erinnern und Mahnen dürfen nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfinden. Wir müssen den Bogen schlagen zu heute. Der amerikanische Schriftsteller William Faulkner hat einmal gesagt: „Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Und er hat die Sache sehr genau beschrieben denn wenn wir so tun als sei der Völkermord etwas, was abgeschlossen ist, historisierend, weit weg, dann verkennen wir die Wirkmächtigkeit dessen, was geschehen ist. Wir haben nach 1945 eben keine Stunde null gehabt, wir haben keine Katharsis erlebt, die Läuterungen der seelischen Katastrophe. Gerade mit Blick auf Sinti und Roma haben wir ein weiter so erlebt. Die Gaskammern wurden stillgelegt aber die Verfolgung ging weiter. Die Entrechtung ging weiter und wir erleben heute, dass die Menschen, die Überlebenden wie ihre Nachkommen, noch immer leiden unter Rassismus, unter Stigmatisierung und Kriminalisierung.

Wir können nicht die Toten betrauern, wir können nicht mahnen und gedenken ohne die Verpflichtung zu haben, die Situation der Sinti und Roma hier in Deutschland, aber auch sonst in der Welt, zu verbessern. Wir müssen gegen den Rassismus ankämpfen, wir müssen gegen die Armut kämpfen und wir müssen in den Abgrund schauen, wir als Gesellschaft. Wir müssen in den Abgrund schauen nicht nur auf die Gefahr hin, dass der Abgrund zurückblickt, sondern im Wissen, dass der Abgrund zurückblicken wird. Wir schulden es nicht nur den Toten, wir schulden es uns selber. Wir müssen die Lehren aus der Vergangenheit ziehen und das bedeutet, dass wir über den Rassismus heute sprechen müssen. Der Rassismus in der Gesellschaft aber auch den Rassismus auf Behördengängen und in Behördenfluren. Wir müssen über den Rassismus in den Institutionen sprechen, bei Polizei und Justiz insbesondere, sonst sind diese Menschen umsonst gestorben und die Mahnung, die Mahnung hilft niemandem, sondern dient nur der Selbstvergewisserung ohne wirklich für die Menschen etwas zu tun. Wenn wir über die Toten reden wollen, dann müssen wir den Lebenden helfen.     

 

Statements 2020-2022

Romani Rose

Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

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