Romani Rose

Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Ansprache von Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, anlässlich der Gedenkveranstaltung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau am 2. August 2022

Meine Damen und Herren,

ganz besonders freut es mich, die Überlebenden des Völkermords begrüßen zu können, die heute bei uns sind, insbesondere Christian Pfeil aus Deutschland, der noch zu uns sprechen wird.

Wir erinnern an unsere Menschen, die heute vor 78 Jahren, in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, einen qualvollen Tod erleiden mussten. Es waren die letzten 4 300 Angehörigen unserer Minderheit, die das unvorstellbare Leid der Hölle von Auschwitz bis dahin überlebt hatten und von der SS in die Gaskammern getrieben wurden: Frauen und Kinder, Alte und Kranke.

Der Name Auschwitz steht nicht nur für den Holocaust an 500.000 Sinti und Roma und sechs Millionen Juden, sondern zugleich für einen nie dagewesenen Zivilisationsbruch, der ganz Europa in den Abgrund gerissen hat.

Mit Ministerpräsident Bodo Ramelow nimmt nun erstmals ein Bundesratspräsident an dieser Gedenkveranstaltung teil, um gemeinsam an die Opfer des Holocaust an den Sinti und Roma zu erinnern und die Bundesrepublik durch seine Person hochrangig zu vertreten. Bodo Ramelow setzt sich auch als Ministerpräsident in Thüringen seit vielen Jahren für die Gleichstellung der Minderheit ein und tritt dem besorgniserregenden Antiziganismus konsequent entgegen.

Darin sehen wir auch hier ein deutliches Zeichen, dass Deutschland seine historisch gewachsene Verantwortung auch international wahrnimmt.

Im Jahr 2015 wurde der 2. August durch das Europäische Parlament offiziell zum Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma erklärt. Dass die EU-Kommissarin für Gleichstellung, Helena Dalli, heute hier bei uns ist, zeigt, dass die Europäische Kommission unsere Sorgen teilt und anerkennt, dass Antiziganismus in Europa, vor allen Dingen in Südost- und Mitteleuropa, eine ernste Bedrohung für die Angehörigen unserer Minderheit darstellt, die mitten in Europa in apartheidsähnlichen Zuständen zu leben gezwungen sind.

Wenn nun der ungarische Präsident Orban, dessen Land ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union ist, wieder über die Rasse und ethnische Reinheit referiert und ein Vokabular nutzt, dass an die dunkelsten Zeiten der europäischen Geschichte erinnert, dann ist das ein weiterer Spaltungsversuch, der brandgefährlich ist für den Frieden in unserer Gesellschaft, unser Gemeinwesen und unsere europäischen Werte. Wir als Europäer müssen uns gegen solche Versuche der Spaltung geschlossen zur Wehr setzen und dürfen solche hetzerischen Aussagen nicht unwidersprochen lassen.

Solche Beispiele zeigen, dass die lange Zeit selbstverständlichen Errungenschaften der offenen demokratischen Gesellschaft zunehmend infrage gestellt werden und Antisemitismus und Antiziganismus wieder dazu führen, dass Menschen mit dem Leben bedroht sind. Das gilt nicht nur für Ungarn, sondern für viele Länder in Südost- und Mitteleuropa.

Wenn ich von diesem Ort, an dem wir uns heute versammelt haben, meinen Blick wenige Kilometer nach Osten und auf die Geschehnisse in der Ukraine lenke, so denke ich, dass sich eben dort unser Versagen gegenüber dem Vermächtnis der Opfer von Auschwitz offenbart.

Dabei habe ich nicht nur den russischen Angriffskrieg im Blick, sondern ich habe auch die oftmals menschenunwürdigen Lebensumstände der schätzungsweise 400 000 ukrainischen Roma vor Augen.

Auch ihre Männer verteidigen ihr Land, die Ukraine, vor der russischen Aggression an der Front und auch ihre Frauen, Kinder und Alten fliehen aus ihrer Heimat vor dem Krieg, genauso, wie alle Ukrainerinnen und Ukrainer.

Trotz alledem werden Roma in der Ukraine weiterhin ausgegrenzt und diskriminiert. Sie wurden nachweislich bei der Lebensmittelvergabe benachteiligt. Teilweise wurden Roma, die beschuldigt wurden, sich widerrechtlich Lebensmittel angeeignet zu haben, am Pranger offen misshandelt. Dadurch wurde die gesamte Minderheit diffamiert, erniedrigt und gedemütigt.

Hierdurch wird die Minderheit ausgegrenzt und, wie schon im Mittelalter, zum Schuldigen und zum Sündenbock gemacht. Doch diese Menschen sind Staatsbürger der Ukraine und dort seit Jahrhunderten beheimatet.

Dass der Antiziganismus in der Ukraine kein neues Phänomen ist, sondern schon vor dem Krieg ein ernstes Problem war, kann man an den zahlreichen Gewalttaten ablesen, denen Roma in dem Land ausgesetzt waren. Es gab regelrechte Pogrome durch nationalistische und rechtsextreme Gruppierungen, bei denen auch Menschen zu Tode gekommen sind, beispielsweise 2018 in Lwiw.

Doch nicht nur in der Ukraine, auch in den Aufnahmeländern schlägt den Roma, die vor dem Krieg in ihrer Heimat fliehen, Ablehnung entgegen – auch in Deutschland, wie zahlreiche Vorfälle an unterschiedlichen Orten deutlich gezeigt haben.

Der Grund für diese immer wiederkehrende Ablehnung, für die Ausgrenzung, für die Erniedrigungen und die teilweise tödlichen Attacken in ganz Europa ist der seit Jahrhunderten tradierte Antiziganismus. Ihn zu ächten muss für uns alle ein vorrangiges Ziel sein, gerade hier und heute, da wir der Opfer des Holocaust gedenken. 

Doch was bedeutet Erinnern und Gedenken, angesichts der menschenwürdigen Umstände, in denen Angehörige der Minderheit vor allem in den Ländern Südost- und Mitteleuropas zu leben gezwungen sind? Wo sie ein System der Apartheid erdulden müssen, das ihnen jegliche Chancen bei der Arbeitssuche, im Bildungsbereich oder der Gesundheitsversorgung nimmt? Wo sie ständig um ihr Leben fürchten müssen und von antiziganistischem Hass und von Gewalt bedroht sind? Was nützt es Menschenrechte weltweit zu fordern, wenn wir selbst die Menschen vor unserer eigenen Haustür vergessen und übersehen?

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir dürfen es nicht zulassen, dass Menschen inmitten der Länder der Europäischen Union oder andernorts wieder ihrer Würde beraubt werden. Hier ist nicht nur die europäische Politik, sondern hier sind wir alle aufgerufen, diese Zustände nicht unwidersprochen zu lassen und unser Verständnis von Gleichheit und Recht, das für alle Menschen gültig sein muss, durchzusetzen.

In diesem Sinne begreife ich das Vermächtnis all der Menschen, die an diesem historischen Ort auf grausame Weise ums Leben kamen.

Ich danke Ihnen.

2. August 2021

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