Foto: Jaroslaw Praszkiewicz

Liquidierung des "Zigeunerlagers"

Auszug aus "Die Vernichtung der europäischen Roma im KL Auschwitz"

Am 2. August 1944 wurden 1408 Roma von Auschwitz I zurück nach Birkenau überführt und vor einen Güterzug gestellt, der an der im Süden an das Zigeunerfamilienlager grenzenden Rampe wartete. Anschließend durften die in Birkenau verbliebenen Häftlinge sich von den Abreisenden verabschieden. Diese Situation wurde arrangiert, um die Zurückbleibenden zu beruhigen und sie zu überzeugen, dass auch sie in andere Arbeitslager kommen würden.

In den letzten Tagen des Juli 1944 wurden wir vor der Auflösung des „Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau“ in Arbeitsfähige und Wehrmachtsangehörige selektiert. Die Wehrmachtsangehörigen durften ihre Frauen und Kinder mitnehmen, ich wurde zu den Arbeitsfähigen eingestuft. Am 2. August 1944 wurden 1400 Personen, Männer, Frauen und Kinder in einen auf der Verladerampe in Birkenau stehenden Zug mit Viehwaggons eingeladen, mit dem Trick der SS, dass die im Zigeunerlager (...) Zurückgebliebenen sehen konnten, dass wir noch am Leben sind. Ihnen hatten die SS-Leute nämlich gesagt: „Da könnt ihr jetzt eure Angehörigen sehen, die fahren jetzt nach Hindenburg und bauen für euch ein neues Lager mit besseren Baracken und sanitären Einrichtungen“. Um vier Uhr hat unser Transport Birkenau verlassen (...). Der Zug, mit dem wir Auschwitz-Birkenau verlassen hatten, wurde folgendermaßen aufgeteilt: Frauen und Kinder nach Ravensbrück, Arbeitsfähige nach Buchenwald und Wehrmachtsangehörige nach Sachsenhausen.

Aus einem Bericht des ehemaligen Häftlings Franz Wirbel. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Zit. nach Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, München – London – New York – Paris 1993, Bd. 2.

Am 2. August 1944 abends, nachdem die arbeitsfähigen Sinti und Roma abgereist waren, wurden die übrigen Häftlinge, hauptsächlich Frauen, Kinder und ältere Menschen, mit Lastwagen in die Gaskammern des Krematoriums V gebracht und dort ermordet. Ihre Leichen wurden in den Gräben neben dem Krematorium verbrannt, da die Verbrennungsöfen zu dem Zeitpunkt außer Betrieb waren. Bisher wurde angenommen, dass in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 insgesamt 2897 Menschen ermordet wurden. Aus den neuesten Forschungen der Historiker des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau geht jedoch hervor, dass es mehr Opfer gab, schätzungsweise 4200-4300 Menschen.

Im Zigeunerlager wurde die Lagersperre angeordnet. Ins Zigeunerlager kamen (…) 50 Juden aus dem Sonderkommando. (…) Das Sonderkommando betrat die Blöcke und trieb alle Zigeuner raus. (…) Die Zigeuner verstanden, dass sie in die Gaskammern geführt werden sollten (…). Doch sie konnten keinen aktiven Widerstand mehr leisten, da die meisten von ihnen alte Menschen, Frauen und Kinder waren.

Aus einem Bericht des ehemaligen Häftlings Tadeusz Joachimowski. Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Bestand Oświadczenia [Berichte], Bd. 13, 56-80. Übersetzung aus dem Polnischen.

Nach Dämmerung kamen ca. 8 Lastwagen an, die die Blöcke nacheinander abfuhren, die Zigeuner unter Geschrei, Geheul und Gefluche abholten und ins Krematorium brachten. Die Wagen kehrten mehrmals um. Wahrscheinlich (…) hatten die Zigeuner verstanden, was los war, und die SS-Männer angegriffen, die dann von ihren Waffen Gebrauch machten, denn wir konnten Schreie und Schüsse hören.

Aus einem Bericht des ehemaligen Häftlings Marian Perski, der in der Kantine im Zigeunerfamilienlager eingesetzt war. Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau (APMA-B), Bestand Oświadczenia [Berichte], Bd. 61, 197-200. Übersetzung aus dem Polnischen.

Im Lager BIIe tummelten sich SS-Männer und schmissen die sich wehrenden Zigeuner aus den Baracken raus. Man konnte Peitschenhiebe hören, Schimpfwörter in diversen Sprachen, Geheul, Geschrei. Ab und zu fiel ein Revolverschuss. Die wehrlosen Zigeuner widersetzten sich, flüchteten zwischen die Baracken oder versteckten sich darin. Diejenigen, die Widerstand leisteten, wurden gnadenlos geschlagen und getreten. Es gab unter ihnen (…) keine jungen Menschen mehr, denn sie waren alle zuvor in andere Lager verlegt worden. Die meisten von ihnen waren wehrlose Frauen, Kinder und Kranke.

Aus einem Bericht des ehemaligen Häftlings Józef Piwko. Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Bestand Oświadczenia [Berichte], Bd. 46, 21-29. Übersetzung aus dem Polnischen.

Ich war im Zigeunerlager bis zu seiner Auflösung eingesetzt (...). Die ganze Prozedur verlief folgendermaßen: um 20:30 Uhr wurde das Zigeunerlager abgesperrt, die deutschen Wachen wurden geholt, aus anderen Blöcken kamen deutsche Blockälteste, die mit Stangen bewaffnet waren, es fuhren (...) Lastwagen vor, in die die Zigeuner mit Stöcken getrieben wurden. Gegen 23:00 Uhr fuhren die Lastwagen vor dem Zigeuner-Krankenbau vor, auf jeden Wagen wurden 50-60 Zigeuner verladen, wobei die Ärzte durch Schläge gezwungen wurden, mitzuhelfen. Aus dem gesamten Zigeunerlager war ein enormes Geschrei, fast schon Geheul zu hören, da die Zigeuner wussten, was sie erwartete. Dr. Mengele war bei der gesamten Aktion im Zigeuner-Krankenbau anwesend. Kurz nach Mitternacht war die Aktion vorbei, das gesamte Zigeunerlager war geräumt worden.

Aus der Aussage von Alfred Galewski, der als Arzt im Zigeunerfamilienlager eingesetzt war, vor der Kommission zur Untersuchung von Deutschen Nationalsozialistischen Kriegsverbrechen in Oświęcim. Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau (APMA-B), Bestand Proces Hössa [Höß-Prozess], Bd. 2, 20-30. Übersetzung aus dem Polnischen.

Mit der Liquidierung des Zigeunerlagers fand die Vernichtung von Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau jedoch noch kein Ende. Am 26. September 1944 wurden 200 Sinti-Kinder aus dem Konzentrationslager Buchenwald ins KL Auschwitz-Birkenau deportiert und sofort nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. Im Oktober 1944 kamen in den Gaskammern fast 2000 Menschen ums Leben, die aus anderen Lagern nach Birkenau überstellt worden waren, darunter viele Sinti und Roma, die zuvor bereits im KL Auschwitz inhaftiert gewesen waren.

Insgesamt starben in den Gaskammern sowie infolge von Hunger, Krankheiten und den verbrecherischen medizinischen Versuchen von Dr. Mengele im KL Auschwitz ca. 21 000 Sinti und Roma.

Sinti und Roma in Auschwitz

Sign of Block 11; photo taken by Jaroslaw Praszkiewicz.

Block 11

Auszug aus "Die Vernichtung der europäischen Roma im KL Auschwitz"

Photo of flower in front of barbed wire fence taken in Auschwitz-Birkenau by Jaroslaw Praszkiewicz.

Fluchten

Auszug aus "Die Vernichtung der europäischen Roma im KL Auschwitz"

Photo of KL Auschwitz II-Birkenau taken by Jaroslaw Praszkiewicz.

Kinder

Auszug aus "Die Vernichtung der europäischen Roma im KL Auschwitz"

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